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In Spanien boomt der Seniorenmarkt

HANDELSBLATT, Mittwoch, 01. Dezember 2004, 07:55 Uhr

Auch deutsche Rentner sind auf Unterstützung angewiesen

In Spanien boomt der Seniorenmarkt

Von Stefanie Müller, Handelsblatt

Deutsche Unternehmen entdecken nur zögerlich eine Marktlücke in Spanien: Für die rund 700 000 dort lebenden Deutschen fehlen Einrichtungen, die sich um sie kümmern, wenn sie krank werden. Denn dann kann der Traum vom Lebensabend unter Palmen schnell zum Albtraum werden.

MADRID. Doch nicht nur die Zahl der ausländischen Rentner wächst stetig, auch die eigene Bevölkerung wird immer älter. Die Geburtenrate ist eine der niedrigsten der Welt. 2020 wird jeder vierte Spanier älter als 65 Jahre alt sein, derzeit macht diese Gruppe rund 16 Prozent der Bevölkerung aus.

In den bestehenden spanischen Senioren- und Pflegeheimen fehlen bereits jetzt rund 130 000 Betten, pro Einwohner gibt es in Spanien gerade mal 3,5 Plätze. Auf den Kanaren, Balearen und in Valencia, wo die meisten deutschen Rentner leben, wird noch nicht einmal dieser Prozentsatz erreicht. In Nordeuropa gibt es pro 100 Einwohner bis zu 14 Altenheim- Plätze.

Noch schlimmer ist in Spanien der Mangel bei der ambulanten Pflege. Da es den Beruf Altenpfleger offiziell nicht gibt, fehlen Fachkräfte. Im spanischen Fernsehen versuchten Wohlfahrtsorganisation und Altenheime erst kürzlich, ausländische Hilfskräfte anzuwerben.

„Da tut sich auch ein Riesengeschäft auf, was die Deutschen völlig verschlafen haben“, sagt der in Madrid ansässige Unternehmensberater Georg Mühle. Bisher kümmern sich vor allem kirchliche und gemeinnützige Institutionen wie das Evangelische Johanneswerk in Spanien um hilfsbedürftige deutsche Senioren ohne Familie.

Mühle hat jetzt zusammen mit der internationalen Immobilienberatung Kingsturge die erste spanische Messe rund um den Altenpflege- Markt organisiert. „Spanien ist ein vielversprechender Markt“, sagt Wolfgang Mathis, Marketingchef bei Horcha Reha Liften. Um jeweils zwölf Prozent soll die Branche in Spanien in den kommenden Jahren wachsen.

Die deutschen privaten Altenheimbetreiber wie Marseille-Kliniken oder Curanum scheint das Geschäft noch nicht zu interessieren. Sie waren auf der Messe nicht vertreten. Dabei suchen spanische Unternehmen nach Meinung von Mühle derzeit händeringend Allianzen. Zudem ist der spanische Residenzen- Markt, der 2003 zirka 1,7 Mrd. Euro umsetzte, wesentlich einfacher und auch attraktiver als der deutsche, da er vor allem von privaten und nicht wie in Deutschland zu 60 Prozent von gemeinnützigen Unternehmen kontrolliert wird.


Ein weiterer Vorteil: „Die alten Menschen verkaufen ihre eigenen Wohnungen oder Häuser und kaufen sich direkt in die Residenzen ein“, sagt Mathis. Das macht den Sektor zunehmend für Immobilienunternehmen interessant. Die Spanier haben das bereits erkannt. Firmen wie Metrovacesa haben sich bei Betreibergesellschaften eingekauft, um sich deren Aufträge zu sichern. Aber auch spanische Versicherer wie Mapfre und Pelayo, Bauprojektentwickler wie Grupo Lar und Sicherheitsdienstleister wie Eulen beginnen, den attraktiven Markt zu erschließen.

Am längsten dabei ist das spanische Unternehmen Ballesol, das 24 Seniorenresidenzen betreibt und an dem die Grupo Lar gerade einen 20prozentigen Anteil gekauft hat. Mit Winterthur haben sie sich zudem einen starken Partner gesucht, der über neuartige Versicherungsmodelle die Finanzierung der Plätze garantieren soll. Vertrieben werden Dienstleistungen von Ballesol seit neustem auch über das größte spanische Kaufhaus El Corte Inglés. „Das sind Allianzen, die sinnvoll sind, die in Deutschland aber nicht geschmiedet werden“, sagt Horcha-Manager Mathis.

Unternehmensberater Mühle hofft zumindest, mit der Messer Pro Care die Aufmerksamkeit der deutschen Betreibergesellschaften für den spanischen Markt geweckt zu haben. Das wäre auch wünschenswert für die vielen deutschen Rentner, die teilweise nach Jahrzehnten in Spanien immer noch schlecht die Landessprache beherrschen und in deutschen Einrichtungen besser aufgehoben werden. Derzeit müssen sie sich mit Anfragen nach Altenpflege und Finanzierung an deutsche Konsulate und Kirchen wenden.




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